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Einblicke in die MTA-Ausbildung in Europa – Teil 3

In Europa sind MTA-Erstausbildungen fast überall auf Bachelor-Ebene angesiedelt, während sie in Deutschland durchgängig deutlich niedriger kategorisiert sind. © SeventyFour / iStock / Getty Images Plus

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Strategien gegen den Fachkräftemangel: Einblicke in die MTA-Ausbildung in Europa – Teil 3

Die MTA-Ausbildung weist strukturelle Parallelen zum in Deutschland fest verankerten dualen Berufsbildungssystem auf. Aller Verbesserungspotentiale zum Trotz, dürfen beide als leistungsfähig, qualitativ hochwertig, praxisnah und bedarfsgerecht gelten.

In den meisten europäischen Ländern besitzt die duale Berufsausbildung hingegen einen eher untergeordneten Stellenwert. Hier ist das Vollzeitschulberufssystem weit ausgebaut und Berufsbildung wird teilweise ausschließlich an Berufsschulen angeboten. Dank ihres starken Praxisbezugs zeichnet sich die Berufsbildung in Deutschland durch eine vergleichsweise hohe Integrationsfunktion aus, die den Übergang von der Ausbildung in den Beruf erleichtert und den Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen gute Beschäftigungschancen eröffnet.

Schwachstellen im deutschen Berufsbildungssystem

Ungeachtet dessen weist das deutsche Berufsbildungssystem eine Reihe von systemischen Schwachstellen auf, die für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit der unterschiedlichen Berufsbildungssysteme im Hinblick auf die Ausbildungen in den MTA-Berufen auf europäischer Ebene bedeutsam sind. Die in Deutschland historisch begründete Ausklammerung der beruflichen Bildung aus dem staatlichen Bildungssystem hat die scharfe Trennung zwischen höherer Allgemeinbildung und Berufsbildungspraxis verfestigt.

Zwar existiert seit dem Jahr 2009 ein sogenannter Öffnungs- und Anrechnungsbeschluss der Kultusministerkonferenz, der die Durchlässigkeit von der beruflichen in die akademische Bildung verbessern soll, doch de facto bleibt dieser Übergang für die Lernenden sehr beschwerlich. Auf europäischer Ebene dagegen wurden spätestens mit dem Kopenhagen-Prozess (2002) nicht nur gemeinsame Kriterien und Grundsätze für die Qualität in der beruflichen Bildung erarbeitet, sondern im Zuge dessen auch das Konzept des lebenslangen Lernens gestärkt, verbunden mit der Forderung, „klare Pfade von der beruflichen und sonstigen Bildung zur Hochschulbildung“ zu schaffen.1

Dieser Prozess mündete im Jahr 2008 in der Definition des Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen (EQR). Der EQR ist ein allen EU-Ländern gemeinsamer Orientierungsrahmen für die berufliche Bildung im sekundären und tertiären Sektor, der die Mobilität von Auszubildenden und Arbeitnehmern innerhalb Europas erleichtern soll. Hiermit verbunden ist die Absicht, „die europäische Berufsbildung wettbewerbsfähig zu machen.“2

Einstufung im Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR)

Zwar verfolgt der EQR das Ziel, mittels Transparenz und Durchlässigkeit die Mobilität der Arbeitnehmer innerhalb von Europa zu erhöhen. Allerdings weisen die insgesamt acht Niveaustufen des Qualifikationsrahmens eine eindeutige Überbewertung der akademischen gegenüber der beruflichen Bildung auf: Die EQR-Niveaustufen sechs bis acht sind ausschließlich den drei universitären Qualifikationsebenen bzw. Studienzyklen – Bachelor, Master, Ph. D. – vorbehalten.

Für die Ausbildungen in den humanmedizinisch-technischen Berufen in Deutschland hatte das ganz konkret zur Folge, dass diese ebenso wie alle anderen dreijährigen beruflichen Erstausbildungen der EQR-Niveaustufe vier zugeordnet wurden. In den europäischen Nachbarländern ging man einen anderen Weg. Hier hat man im Rahmen der Europäisierung der Bildungssysteme die bestehenden Ausbildungs- bzw. Studiengänge in den Gesundheitsfachberufen mehr oder weniger zügig und konsequent den beiden Hauptzyklen Bachelor und Master (tertiärer Bildungsbereich) zugeordnet.

Mithin sind fast überall in Europa nahezu alle MTA-Erstausbildungen auf ERQ-Niveau sechs (Bachelor-Ebene) angesiedelt, während sie in Deutschland durchgängig deutlich niedriger kategorisiert sind. Damit müssen die deutschen MTA erhebliche Benachteiligungen in Kauf nehmen, wenn sie ihren Beruf im Ausland ausüben und ihre Ausbildungen anerkennen lassen möchten.

Das widerspricht dem Geist des vereinheitlichten europäischen Arbeitsmarktes. In Verbindung mit den hierzulande bisher nicht vorhandenen gestuften Qualifikationskonzepten für die MTA-Ausbildungen, die Bachelor-, Master- und Promotionsabschlüsse vorsehen, besteht damit die Gefahr, dass das Berufsfeld an Attraktivität einbüßt, da Durchlässigkeiten mit Blick auf Qualifikation und Karriere hierdurch spürbar eingeschränkt sind.

Notwendige Weiterentwicklung von Qualifikationswegen

Eine im europäischen Vergleich überfällige systematische Öffnung der MTA-Ausbildung zum Tertiärbereich erscheint nicht nur unter dem Aspekt der Attraktivität, sondern auch aus grundsätzlichen Erwägungen sinnvoll.

Denn sollen die Herausforderungen der technischen und gesundheitspolitischen Veränderungen an die diagnostisch-therapeutischen Berufe und des prognostizierten bzw. bereits jetzt bestehenden Fachkräftemangels gemeistert werden, dann wäre es im Interesse der ganzen Gesellschaft, dass das hiesige (Aus-)Bildungssystem jeder und jedem Einzelnen Wege eröffnet, um die persönlichen Potenziale bestmöglich entfalten und weiterentwickeln zu können.

Da es zudem fraglich ist, ob nicht-hochschulische Ausbildungen den dynamischen Entwicklungen von theoretischem Wissen, technischen Innovationen und betrieblichen Anforderungen gerecht werden können, scheint die Weiterentwicklung der Qualifikationswege und Kompetenzprofile dringend geboten. Mehr noch: Da sie die Attraktivität der MTA-Ausbildungen und -Berufe erhöht, bietet sie sich als eine der zentralen Strategien an, mit denen sich dem Fachkräftemangel begegnen ließe.

Rekrutierung von ausländischen MTA zwecks Behebung des Fachkräftemangels

Ein Ländervergleich der Ausbildungen in den medizinisch-technischen Berufen auf europäischer Ebene zeigt, dass die Qualifizierungsinhalte und Berufsprofile für die technischen Assistenzberufe de facto weitgehend denen der grundständigen Ausbildungen in Deutschland entsprechen, auch wenn diese eben nicht im tertiären Bereich verortet sind.3

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die größtenteils hochschulischen Ausbildungen unserer Nachbarländer in den medizinisch-technischen Berufen den Absolventinnen und Absolventen den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt öffnet. Denn auch wenn die Praxis der obligatorischen Anerkennungsverfahren durchaus einige Fallstricke aufweisen kann, stehen der Anerkennung der Gleichwertigkeit der fachlichen Qualifikation durch die zuständigen Behörden (meist Landesprüfungsämter) keine grundsätzlichen formalen oder arbeitsrechtlichen Hindernisse im Weg.

Insofern ist es naheliegend, die Rekrutierung von medizinischen Technolog*innen im europäischen Ausland in die Strategie zur Behebung des Fachkräftemangels und Aufrechterhaltung der Versorgungsqualität zu integrieren. Dies umso mehr, als sich noch erweisen muss, ob die geplante Reform der technischen Assistenzberufe in der Medizin dazu führt, die Ausbildung tatsächlich „zeitgemäß und attraktiv auszugestalten und (…) zukunftsgerecht weiterzuentwickeln“.4

Bernd Wilczek

Hier geht es zum ersten und zum zweiten Teil der Artikelserie. 


Quellen:

1 Europäische Kommission, Wachstum und Beschäftigung unterstützen – eine Agenda für die Modernisierung von Europas Hochschulsystemen, Brüssel 2011

2 Kommuniqué von Maastricht zu den künftigen Prioritäten der verstärkten Europäischen Zusammenarbeit in der Berufsbildung. http://www.eu-bildungspolitik/uploads/dokumente_berufsbildung/kommunique_maastricht_2004.pdf (Stand: 16.07.2012)

3 Detaillierte Analysen von Qualifikations- und Kompetenzprofilen in verschiedenen europäischen Ländern finden sich in der Studie Bestandsaufnahme der Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen im europäischen Vergleich, Band 15 der Reihe Berufsbildungsforschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, 2014

4 Entwurf eines Gesetzes zur Reform der technischen Assistenzberufe in der Medizin und zur Änderung weiterer Gesetze (MTA-Reform-Gesetz), Bearbeitungsstand: 31.07.2020

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