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Labormüll.

Eine Herausforderung ist die ungesicherte Müllentsorgung, rund fünf bis 13 Millionen Tonnen Plastik landen jährlich im Meer. © Eplisterra / iStock / Getty Images Plus

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Veranstaltungsbericht: Röntgenkongress 2022 – ohne Nachhaltigkeit keine Zukunft

Unter dem Motto „Vielfalt leben – Zukunft gestalten“ legte der 103. Röntgenkongress seine inhaltlichen Schwerpunkte auf Diversity, Nachhaltigkeit, 50 Jahre Computertomographie und Interventionelle Radiologie. Dieser Bericht beschäftigt sich mit der Nachhaltigkeit.

Das Kongressprogramm lief zwar schon seit März 2022 online, doch nach zwei virtuellen Veranstaltungen gab es in diesem Jahr – endlich wieder – einen drei Tage langen Präsenzteil in Wiesbaden. Ausstellungen, Workshops und zahlreiche Sessions erzeugten den Eindruck eines neuen Zeitalters nach Corona. Lediglich der Einlass war noch eingeschränkt und nur unter 2G-Bedingungen mit FFP2-Masken möglich.

Die offizielle Eröffnung erfolgte durch die Kongresspräsidentin Dr. Kerstin Westphalen, Chefärztin am Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie der DRK Kliniken in Berlin-Köpenick. „Wir haben uns für die Schwerpunkte Vielfalt und Nachhaltigkeit entschieden, weil diese wesentlich für unsere Fachgesellschaft sind, und auch die Radiologie ihren gesellschaftlichen Beitrag dahingehend leisten muss“, erklärte Dr. Westphalen.

„Nur eine vielfältige und nachhaltige Radiologie ist optimal für die Zukunft aufgestellt. Wir brauchen einen respektvollen Umgang miteinander, denn Nachhaltigkeit ist ebenso ein soziales Thema.“ Westphalen stellte die Frage in den Raum, wie nachhaltig jede*r sich um die Ausbildung kümmere und wie nachhaltig man kommuniziere – beispielsweise mit Kolleg*innen anderer Fachbereiche und zwischen den Hierarchiestufen. Der Gesundheitssektor habe einen sehr hohen Ressourcenverbrauch und damit auch die Radiologie, erklärte die Kongresspräsidentin.

Deshalb plädierte sie zum Nachdenken, wie man künftig besser wirtschaften könne. An vielen Standorten gäbe es bereits Initiativen für mehr Nachhaltigkeit und einige Kliniken hätten sich schon das Ziel der Null-Emission gesetzt. Daria Luschkova bekräftigte diese Dringlichkeit in der Highlight-Sitzung Nachhaltigkeit@Medizin mit einem zusammenfassenden Satz: „Der Klimawandel ist ein medizinischer Notfall, der sofortiges Handeln erfordert.“

Spannendes MTRA-Programm

Das umfangreiche MTRA-Programm wurde, wie üblich, von der leitenden MTRA, der amtierenden Kongresspräsidentin, eröffnet. Steffi Schirmer bekräftigte die Aussagen von Dr. Westphalen: „Vielfalt und Nachhaltigkeit sind wichtige Themen in unserer Abteilung. Ohne Kommunikation und Wertschätzung funktioniert nichts. Diversität wird bei uns vorbildlich gelebt. Die Fachkräfte weisen bei uns eine große Altersspanne auf. Auch Boys- beziehungsweise Girls-Days nutzen wir beispielsweise, um Personal zu finden!“

Einen spannenden Vortrag in dieser MTRA-Auftaktsession hielt anschließend Florian Fuchs, MTRA aus dem Universitätsklinikum Leipzig. Der 23-Jährige beschäftigt sich mit dem Thema Plastikmüll und zeigte neben der Problematik auch Lösungsansätze und Prognosen auf, damit sich radiologische Abteilungen nachhaltiger aufstellen. Unter dem Thema „Plastikfreie Radiologie – ein (Alp-)Traum“ wies er zunächst darauf hin, dass Kunststoffe einst eine hygienische Revolution mit zahlreichen Vorteilen waren.

Doch mittlerweile zeigten sich die Auswirkungen dieses sterilen Arbeitens deutlich: Betrachtet man den Gesundheitssektor als Land, ist er bei der Entstehung von Plastikmüll der fünftgrößte Verursacher aller weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Eine Herausforderung ist die ungesicherte Müllentsorgung, denn rund fünf bis 13 Millionen Tonnen Plastik landen jährlich im Meer. 80 Millionen Tonnen haben sich bereits auf dem Meeresboden abgelagert, zudem sammelt sich treibender Müll in Strudeln.

Durch die thermohaline Zirkulation, die wie ein Straßennetz in den Ozeanen wirkt, hat sich eine 1,6 Millionen Quadratkilometer große Konvergenzzone zwischen Japan und Kalifornien gebildet. Rund 94 Prozent dieses Plastiks sinken auf den Boden und werden dort noch langsamer als an der Oberfläche abgebaut.

Die biologischen und chemischen Auswirkungen sind verheerend, sie stören das ökologische Gleichgewicht. Makro- und Mikroplastik reichern Ölrückstände an und werden mit Nahrung verwechselt. Da sich Plastik im Magen der Tiere anlagert, sorgen ausbleibendes Hungergefühl oder Erstickung für den Tod von jährlich einer Million Seevögeln und 100 000 Meeresbewohnern.

Wir haben es in der Hand!

Glücklicherweise gibt es bereits vielfältige Lösungsansätze: So startete Practice Greenhealth eine Studie mit 332 Krankenhäusern und entwickelte einen Leitfaden zur Müllreduktion beziehungsweise zum Recycling, der in den USA großflächig integriert wurde. Seit 2013 ist das Unternehmen Philips als Partner dabei und unterstützt passende Projekte. Lösungsmöglichkeiten zur Müllvermeidung in der Radiologie und im gesamten Krankenhaus liegen unter anderem in der Aufbereitung von Abdecktüchern, Kitteln und Gebrauchsgegenständen wie zum Beispiel Nierenschalen.

Der Einsatz von waschbaren, personalisierten Hauben und Masken ist ebenso sinnvoll wie der sterilisierbare Beutel für das OP-Besteck. Edelmetalle aus Kathetern sind recycelbar und können nach der Verwendung extrahiert und in Reinform wiederverwertet werden.

Ein neues Vakuum-Dampf-Vakuum-Verfahren zur Desinfektion nutzt kontaminierte Reststoffe als Energielieferanten, dabei werden die unschädlichen Abfälle zur Strom- und Dampferzeugung verwendet. Dieses Verfahren wirkt effektiv gegen Ebola-, HI- und Coronaviren. Aus 5400 Tonnen Klinikabfällen entsteht so Energie für 4000 Haushalte.

Daneben könnte der im Jahr 2016 zufällig erfolgte Fund der plastikfressenden Bakterien der Gattung „Ideonella sakaiensis“ (Ordnung Burkholderiales) künftig für Erleichterung sorgen. Die an Oberflächen, im Sediment, im Abwasser und im Aktivschlamm agierenden Bakterien konnten im Laborversuch bei 30 Grad Celsius einen Kunststofffilm nach 60 Wochen vollständig auflösen. Die von den Kleinstlebewesen genutzten Enzyme PETase und MHETase bauen das schädliche PET vollständig zu Ethylenglycol und Terephthalsäure ab.

Als letzten Ansatz stellte Florian Fuchs das Pilotprojekt „mindER2“ des Universitätsklinikums Ulm vor: Durch getrennte Urinale wird die korrekte Entsorgung iodhaltiger Kontrastmittel gesichert. Derartige Kontrastmittel werden vermehrt im Trinkwasser nachgewiesen, da Klärwerke sie bis heute nicht herausfiltern können.

Vor dem Hintergrund einer wachsenden Bevölkerung und weiterer Urbanisierung wird in den nächsten Jahren immer mehr Müll entstehen. Die Weltbank warnt vor einem Anstieg von bis zu 70 Prozent – und wir alle haben es in der Hand, dies zu vermindern. Auf die Verantwortung jedes Einzelnen wies die Nachhaltigkeitsexpertin und Ökonomin Prof. Dr. Maja Göpel, die die Eröffnungsrede hielt, bereits vor Jahren hin: Wir alle können jeden Tag ein Teil der Veränderung sein, auch wenn sich diese Veränderungen erst einmal klein und wenig anfühlen!

Von Mirjam Bauer

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